Leben mit Handicap Unvollkommen in Ordnung.

Soziales
Ableismus und transhumane Visionen.
Titelbild zu Unvollkommen in Ordnung.
© unsplash.com

Es ist Teil der Evolution, uns immer weiter zu verbessern, weiter zu entwickeln. Die Medizin kann Gendefekte erkennen, seit der Entdeckung der Genschere auch chirurgisch eingreifen. Wie perfekt soll unsere Welt sein? Wie gehen wir mit Unperfektem um?

Bei der Recherche zu einem Artikel spreche ich mit einer schwangeren jungen Frau. Sie hat mit ihrer Ehepartnerin entschieden, ihr Kind auf die Welt zu bringen, obwohl oder trotzdem die Diagnose Trisomie 21 gestellt wurde. Ihre Frauenärztin reagierte mit Unverständnis und riet zum Abbruch der Schwangerschaft. Ist die Entscheidung fürs Leben, auch wenn es aller Prognosen nach mit Einschränkungen verbunden sein wird, unerhört? Welche Gedanken kommen uns jetzt? Respekt vor der Entscheidung oder Unverständnis? Bedauern für das ungeborene Kind? Wut auf die Ärztin oder stilles Kopfnicken? Ich erinnere mich an eine andere Situation: „Kaum jemand beglückwünschte uns zur Geburt unserer Tochter. Die meisten waren nur tief betroffen. Statt bunten Luftballons bekamen wir das Buch „Trostgedanken“ geschenkt.“ Conny Wenks Erinnerungen an die erste Zeit nach der Geburt ihrer Tochter mit Trisomie 21.

Beide Erlebnisse sind tiefverletzende Erfahrungen. Ein Mensch wird auf seine Beeinträchtigung reduziert. Es gibt einen Begriff dafür: Ableismus. Das Wort leitet sich aus dem englischen Begriff für „able“ (to be able = fähig sein) ab. Die Endung „ismus“ deutet auf ein Gedankensystem. In diesem Fall gegenüber Menschen, die vom vermeintlichen Normalzustand des Großteils unserer Gesellschaft abweichen. Das kann sowohl eine Abwertung - wegen seiner Beeinträchtigung - oder aber eine Aufwertung - trotz seiner Beeinträchtigung - sein. „Damit erleben behinderte Menschen durch den Ableismus das, was Menschen mit Migrationshintergrund durch den Rassismus widerfährt oder Frauen durch Sexismus erleben. In jedem Fall werden die Betroffenen nicht als gleichberechtigte Gegenüber wahrgenommen, sondern etikettiert und auf- oder abgewertet“, erklärt die Interessensvertretung Selbstbestimmt Leben. Doch anders als etwa Rassismus oder Sexismus nimmt Ableismus noch wenig Raum im öffentlichen Diskurs ein. Dass das Thema langsam in der Gesellschaft ankommt, liegt nicht zuletzt daran, dass sich vermehrt eine junge Generation von Menschen mit Behinderung selbst zu Wort meldet und ihre Anliegen vertritt. Tanja Kollodzieyski, alias „@das Rollifräulein“ ist eine davon. Die Bochumer Literaturwissenschaftlerin und Aktivistin bloggt über Literatur und ihr Leben mit Behinderung. Sie fragt, warum Klischees, Stereotypen und Vorurteile von Nichtbehinderten gegenüber Menschen mit Behinderungen immer noch so präsent sind. Warum ihnen so oft kognitive Fähigkeiten oder der Wunsch nach Kindern abgesprochen werden, warum nicht mit sondern über sie kommuniziert werde. Das könnte darin liegen, dass Menschen mit einer sichtbaren Behinderung in der Öffentlichkeit viel zu wenig gezeigt werden, resümiert sie. In den Nachrichten, in der Politik, als Rolemodels, als Schauspieler oder als Wissenschaftlerinnen.

Eine Studie in sieben westeuropäischen Ländern brachte dazu wichtige Erkenntnisse. Körperbehinderte Kinder mit einer Zerebralparese wurden nach ihrem Wohlbefinden befragt. Durch eine dauerhafte Schädigung der Bereiche im Gehirn, die Bewegungen steuern, haben sie Schwierigkeiten beim Laufen oder Einschränkungen in der Motorik der Hände. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Lebensqualität der Kinder in Bereichen wie seelisches Wohlbefinden, Selbstwahrnehmung, Schulumgebung oder soziale Akzeptanz nicht von der von Kindern ohne Behinderung unterscheidet. Eine Behinderung bedeutet also keineswegs automatisch, dass sich Kinder in ihrem Wohlbefinden beeinträchtigt fühlen. Auch sie stört nicht ihre eigene Situation sondern vielmehr die Reaktionen der Mitmenschen im Alltag.

Interessant war auch der Blick auf die Eltern. Manche fühlten sich angefeindet, in der heutigen Zeit, ein behindertes Kind zu bekommen. Sie fühlten sich von ihren Mitmenschen stigmatisiert und einem großen gesellschaftlichen Druck ausgesetzt, beschreibt die Studienleiterin Prof. Ute Thyen vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Sie führt das darauf zurück, dass besonders in Deutschland die Lebenswelten von Menschen mit und ohne Behinderung sich nur wenig berührten. In anderen Ländern, mit mehr integrativen Angeboten sei die gesellschaftlich Akzeptanz behinderter Menschen größer. Das bestätigt auch Carina Kühne. Die junge Frau ist Schauspielerin und Aktivistin und wurde mit Down-Syndrom geboren: „Sicherlich hätte ich lieber kein Down-Syndrom, aber leiden tue ich eher unter der Ablehnung meiner Mitmenschen, als unter der Chromosomenanomalie. Ich fühle mich nicht behindert, werde aber manchmal von meinen Mitmenschen behindert.“

Gabriele Noack ist Mutter eines schwerbehinderten Sohnes. In ihrem Buch „Mein Glück kennt nicht nur helle Tage“, beschreibt sie wie die Geburt und seine Krankheit ihr Leben total auf den Kopf gestellt hat und sie sich der Situation erst langsam nähern konnte. „Natürlich zieht man die Aufmerksamkeit auf sich, wenn man mit einem Spezial-Rolli unterwegs ist und womöglich der Sohn noch einen epileptischen Anfall erlebt. Aber wir haben noch nie wirklich unangenehme Erfahrungen gemacht im Alltag“, erzählt sie. Sie erlebe viel Mitgefühl und Akzeptanz bei den Mitmenschen. Sie kann aber verstehen, wenn Menschen befangen sind. „Wir sind eine Minderheit - insofern sind Mitmenschen oft unsicher, wenn sie uns begegnen. Ich freue mich, wenn wir anderen Familien mit Kindern mit Handicap begegnen. Ich weiß, wie wichtig es ist, in Erscheinung zu treten.“

Mehr Inklusion also. Mehr Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung in einem anderen Kontext als die bloße Beschreibung ihrer Einschränkung. Jeder Mensch hat mehr als nur ein Merkmal. Der Blickwinkel darauf, was man als eine Behinderung betrachtet, hat sich innerhalb der letzten 30 Jahre ohnehin gewandelt. Tanja Kollodzieyski erläutert hierzu: „Das neue, soziale Modell beschreibt Behinderung als etwas, das von außen kommt. Der Mensch wird meist durch Barrieren von außen behindert.“ Nicht zu vergessen, dass jeder Mensch, der ohne sichtbare Behinderung geboren wurde, in jedem Moment, durch einen Unfall, eine Krankheit, zack, eine Behinderung erwerben kann.

Wollen wir Desingerbabys?

Wie gehen wir künftig mit Andersartigkeit um? Da stehen wir großen Herausforderung gegenüber. Es ist Teil unserer Evolution, uns immer weiter entwickeln zu wollen. Wir leben in einer von Naturwissenschaft und Technik geprägten Gesellschaft. Deren Möglichkeiten lassen uns daran glauben, dass viele unserer Probleme gelöst werden könnten. Durch neue Technologien, ist es gelungen, Krankheiten zu heilen, Leiden zu linden. Beispielsweise können Mikrochips im Gehirn Gelähmten helfen, wieder gehen zu können. Der Tesla-Gründer Elon Musk hat ein Start-up gekauft, das an Hirnimplantaten forscht, mit denen es möglich sein soll, das Gehirn mit Computern zu vernetzen. Die Fortschritte sind unglaublich und niemand möchte auf die Möglichkeit verzichten, von einer schlimmen Krankheit geheilt zu werden. Aber die Grenzen verschwimmen. Unweigerlich geht mit dem technischen Machbaren auch der Wunsch nach Verbesserung einher. Wohin werden uns diese Veränderungsprozesse führen? Welche Gefahren, aber auch welche Chancen bringen sie mit sich? Werden wir eine Gesellschaft, in der selektiert wird, was lebenswert ist und was nicht? Die Geschichte zeigt, dass vieles, was technisch machbar ist, irgendwann den geschützten Raum der Wissenschaft verlässt und in unseren Alltag fließt. In China darf, im Gegensatz zur EU, mit der Genschere an Embryonen geforscht werden. Seit Mitte der 1980er Jahre macht eine philosophische Denkrichtung immer mehr von sich hören: Der Transhumansimus. Die Idee dahinter heißt, dass die Grenzen menschlicher Möglichkeiten durch Technologien überwunden werden können. Technologische Verfahren könnten Menschen klüger, schöner und vor allem gesünder machen. Selbst Unsterblichkeit sei denkbar, behaupten dessen Anhänger.

In einer „nicht allzu weit entfernten Zukunft“ ist die Technik der Genanalyse so ausgefeilt, dass man Veranlagungen für alle erdenklichen Krankheiten, für geistige und physische Fähigkeiten sowie die Lebenserwartung ermitteln kann. Nachwuchs wird fast nur noch per In-vitro-Fertilisation, also künstliche Befruchtung, gezeugt und anschließend werden mittels Präimplantationsdiagnostik die „Besten“ ausgewählt. Wenige, noch auf natürliche Weise gezeugte Kinder nennt man zwar „Gotteskinder“, in Wahrheit hält man sie jedoch für „invalid“ d. h. in jeder Hinsicht „ungültig“ und grenzt sie brutal aus. Das ist der Plot des US-amerikanischen Science-Fiction Gattaca aus dem Jahr 1997. Im Film erschleicht sich Gotteskind Vincent einen für ihn unerreichbaren Job in der Weltraumforschung, in dem er es schafft, sein genetisches Handicap zu unterlaufen. Der Film setzt sich so intensiv mit ethischen Fragen der Selektion und der Genmanipulation zu Erreichung des „perfekten Menschen“ auseinander, dass er an Schulen und Universitäten im Fach Ethik gezeigt und diskutiert wird. Für den israelischen Historiker Yuval Harari steht fest, dass wir an einer Wegscheide stehen, an der die Menschheit entscheidet, ob sie sich ganz dem technisch Machbaren verschreibt oder die Menschlichkeit, das Unvollkommene die Oberhand behält. Jeder von uns möchte einzigartig sein. Der Wunsch nach Individualismus steht weit oben auf der Liste der erstrebenswerten Eigenschaften. Das werden wir dann erhalten können, wenn wir die Vielfalt stärken und den Einzelnen in seiner Besonderheit akzeptieren.

Weiteres zum Thema

Tanja Kollodzieyski: Ableismus, Sukultur 2020, z.B. ebook bei Kindle, ISBN-10 - 3955661253

Yuval Noah Harari: Homo Deus. Eine kurze Geschichte von Morgen. C.H. Beck Verlag, München 2017, ISBN 978-3406 727863, 24,95 Eur.

Filmtipp Gattaca, USA 1997, FSK 12 Jahre

Gabriele Noack: Mein Glück kennt nicht nur helle Tage, Bastei Lübbe; 2. Aufl. 2016, ISBN 978-3404 608898, 13,95 Eur

Carolin Brinkmann: Die Perfekten. ONE 2017, ISBN 978-3846600498, ab 14 Jahre, 5,89 Eur.

www.46plus.de


Quelle
von Christina Stefanou

Mehr Artikel auf Clicclac.de